

So ganz neu ist die Videosoftware “Motion Dive” ja nicht, Wohl aber die Ehe von Hersteller Digital Stage und Edirol, die sich zusammen getan haben, um den VJs ein ganz neues Arbeitsgefühl zu bescheren. „MD-P1“ heißt der Nachwuchs, der jetzt aus dieser Verbindung hervor ging.
Motion Dive Tokyo ist eine Videomix-Software der japanischen Firma Digital Stage, mit der sich in Echtzeit Videodaten von zwei Quellen und Musik mischen lassen. Dabei werden die gängigen Bild- und Filmformate unterstützt, so dass auch eigene Mediafiles verwendet werden können. Edirol steuert dem Ganzen jetzt eine Hardwarekonsole bei, die über die notwendigen Buttons und Fader verfügt, so dass das Handling jetzt schneller und bequemer über die Bühne geht – im wahrsten Sinne des Wortes. Und auch sonst noch ein paar Annehmlichkeiten zu bieten hat
Ausgepackt
Der Motion Dive ist eins dieser Geräte, das man – einmal ausgepackt – nie wieder zurück in seine Packung legen möchte. Zum einen, weil es ein herrliches Kreativspielzeug ist, zum anderen wieder mal einer dieser Kartons, deren Innenleben derartig kunstvoll verschachtelt ist, dass man sich schon eine Zeichnung machen muss, um das am Ende wieder so hinzubekommen. Kunstvoll japanisch schön eben.
In der Mitte prunkt die Hardware, die Tokyo Console, mattschwarz mit silbernen Schriftzügen, gummierten Tasten sowie roten Rallystreifen und roten, geschickt versenkten LEDs – das Teil hat definitiv einen hohen „mit-Technik-Frauen-beeindrucken“ Faktor. So richtig stabil ist nur die Unterseite aus Metall, der Rest besteht aus Kunststoff. Was kein Problem ist, so lange man die Tokyo Console nicht als Schlagwaffe einsetzen will. Ein etwas höherer Eisen-Anteil würde aber vielleicht doch für etwas mehr Vertrauen in die Beständigkeit des Materials gerade bei Live-Einsätzen sorgen.
Auf der Konsole: 23 Taster, 4 dreh- und ein Schieberegler (Fader) zum Überblenden und ein Endlos-Rad (auch Jogwheel genannt), alles sinnreich in Gruppen angeordnet und ordentlich beschriftet. An der Seite die Anschlüsse für USB und MIDI. Sehr praktisch – mal nicht auf der Rückseite, so lässt sich die Steuerungseinheit nämlich auch bequem vor das Computerkeyboard oder das Notebook stellen, ohne dass das USB-Kabel dann quer über die Tastatur schloddert – da hat jemand mitgedacht, Fleißkärtchen!
Sonst noch in der Packung: jede Menge Zettel, Aufkleber und Faltkarten, die sich dann – auf DIN-A-0 oder so aufgeklappt – als Manual entpuppen. Was einerseits sehr stylish und praktisch sein kann, weil man so alles auf einen Blick sieht und nicht blättern muss, zum anderen aber auch sehr gewöhnungsbedürftig sein kann, weil die Schrift ziemlich klein und das Ganze so ziemlich unübersichtlich ist und sich das Faltblatt außerdem ausschließlich auf die Software bezieht. Wer näheres zur Hardware erfahren möchte, ist auf ein handgefilmtes Tutorial in japanisch mit englischen Untertiteln angewiesen.
Dann im Karton: ein Kabel (USB, in ausreichender Länge, was erfahrungsgemäß nicht selbstverständlich ist), noch mehr Papier und bunte Prospekte, mehrere CDs - Programm, eine WAZA-Doppel DVD mit besagten sehr cool gemachten Instructions – nicht so das übliche trockene Multimediahandbuch, hier wurde das Manual zur lebendigen Kunstform (Ich steh ja zwar auf so was, allerdings gerät der didaktische Nutzen da doch ein wenig in den Hintergrund) und eine Taschenlampe. Warum auch immer. Vielleicht für den Außeneinsatz des VJs in der Disse, vielleicht hatte der Hersteller auch einfach nur ein paar auf Lager und wollte die schnell mal verklappen. Egal, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
Eingerichtet
Heute schon was vor? Noch Resturlaub vorhanden? Dann können wir ja mal installieren – denn das Überspielen der Filmdaten dauert eine ganze Weile. Der Rest geht eigentlich kinderleicht, wenn man nicht den Fehler macht, vorher ins Handbuch zu schauen. Da nämlich ist der Installationsprozess reichlich irreführend und auch etwas umständlich dargestellt. Da sollen XP-Nutzer vorher alle USB-Geräte entfernen und anschließend die Treiber über die Systemsteuerung installieren. An anderer Stelle wieder ist die Rede davon, den Treiber von Hand aus dem „Driver-Folder“ der DVD zu picken. Alles nicht nötig – einfach DVD reinschmeißen, Treiber-Installation startet von selber, Programm hinterher bügeln, fertig. Warum auch einfach, wenn es kompliziert geht?
Ist die Software schnell auf der Platte, kann das Rüberschaufeln der Videos auf langsameren Laufwerken eine gute halbe Stunde Zeit und mehr kosten. Zwischenzeitlich auftauchende japanische Textfenster ignorieren wir einfach mal in der Hoffnung, dass da jetzt nicht „Sie haben doch nichts dagegen, dass wir gerade Ihre Festplatte formatieren“ steht. Letztendlich sind dann aber ohne Probleme 50 MB an Programmdaten und 2,5 GB an Video- und Musikmaterial auf der Platte angekommen und warten auf ihre weitere Verwendung.
Kleiner Haken am Rande: mit der neuesten Quicktime-Version (7.02) hat es wohl hier und da Probleme gegeben. Der Hersteller empfiehlt ein Downgrade (auch so etwas gibt es) auf die Version 6.5.2. Nur – wer das macht und gleichzeitig iTunes 5 nutzt, kann selbiges anschließend in die Tonne treten. Das nämlich funktioniert anschließend nicht mehr. Was ich dann aber eher dem Apple-Kram anlaste, ich hab dem Obstladen im allgemeinen und iPod, iTunes & Co im speziellen noch nie so recht getraut.
Film läuft… Ton läuft… und.. Action!
Programm gestartet, die Show kann beginnen. Aber auch nur, wenn die Hardware wirklich angeschlossen ist, sonst gibt es in der vorliegenden „Console Edition“ eine Fehlermeldung.
Wer zuvor den Umgang mit der Maus in der Software-Version gewohnt war, muss jetzt nicht unbedingt umdenken – die funktioniert auch weiterhin. Wesentlich komfortabler ist es aber natürlich, die Videos ganz cool per Hardware abzufeuern und zu manipulieren: per JogWheel geht’s durch die Libraries, die auf einer Doppelleiste mit farbigen Icons Aufschluss über ihren Inhalt geben, mit der Entertaste schießen wir sie dann auf einen der jeweils drei möglichen Parkplätze (genannt Main, Sub1 und Sub2) der beiden Videoslots . Das geht auch On-the-Fly, also während einer Performance, so dass man nicht auf magere drei Videoclips beschränkt ist, sondern jederzeit auch nachladen kann. (Gerade stelle ich fest, dass die Konsole a) sehr empfindlich gegen Fingerabdrücke ist und b) sich Kekskrümel ganz wunderbar zwischen den Tastern und den Rändern der dafür vorgesehenen Vertiefungen verfangen – Aktennotiz: Handschuhe tragen und Kekse woanders essen).
Per Knopfdruck schalten wir nun zwischen den drei Videos pro Seite um und faden stufenlos zwischen den beiden Abspielplätzen hin und her. Drei programmierte (richtig: programmiert und nicht vor-programmiert – das ist so falsch wie der weiße Schimmel oder „Die La Ola Welle“, aber das nur nebenbei) Fades lassen sich ebenfalls abrufen, falls es mal automatisch sein darf.
Apropos automatisch: zwar werden die Bewegungen des Hardwarefaders automatisch auf den Fader auf dem Monitor übertragen, nicht aber umgekehrt – dazu brauchte es dann einen Motorfader, und auf den wurde hier verzichtet. Aber das nur nebenbei.
Zusätzlich können wir noch Effekte und Texte aus den vorhandenen Plug-Ins aufrufen und per Drehregler einblenden, so wird es dann richtig bunt auf dem Bildschirm. Dabei kann der Effekt wahlweise auf die Subs oder den Main geroutet werden. Weitere Plug-Ins gibt es teilweise kostenlos zum Download auf der Website des Herstellers oder sind in Vorbereitung.

Musik ab!
Es wird nicht nur bunt, sondern auch laut, wenn wir wollen: dazu laden wir ein mp3-File nach Wahl in den Player und synchronisieren dazu die Bilder mit dem Tap-Button (Was leider nur per Software und Maus funktioniert, nicht alles ist mit der Hardware möglich) . Hardwaremäßig lässt sich dagegen das Umschalten der Video-Channels im Beat tappen - so springen Sie dann im Rhythmus von einem Kanal zum anderen und lassen die Menge dazu multimedial im richtigen Takt zappeln.
Je ein Drehregler pro Seite lässt sich frei belegen. Damit werden dann zum Beispiel die Position im Clip, das Tempo, die Farbkontrolle oder die Loop Points bestimmt. Zwischen letzteren kann man das jeweilige Video gekonnt scratchen, also springen lassen, am besten natürlich im Rhythmus.
Neben den zahlreichen Videoclips gibt es auch einige mit Voice Overs – meist die klassischen Disse-DJ-Sprüche wie „Turn off the lights please“, Countdowns oder andere markige Sätze – die lassen sich dann mit dem Beat synchronisieren und über den freien Regler, der mit dem Tempo verbunden ist, auch variabel Pitchen – so sind schon mit etwas Übung ganz abgefahrene Effekte möglich.
Die ganze Performance lässt sich auch als Makro aufzeichnen und so später wieder abspielen. Was ja besonders für DJs wichtig ist, die nicht jedes Set immer und immer wieder performen möchten, sondern sich auch gern mal auf Knopfdruck eine Pause gönnen dürfen. Das Speichern in gängigen Formaten (etwa als Quicktime Movie) ist aber nicht vorgesehen – wer seine Freundin beeindrucken will, kann ihr die letzte Session nicht eben mal als File schicken, sonder muss sie schon nach Hause an die Konsole bitten. Was letztendlich aber sowieso die bessere der beiden Lösungen ist.
Und dann war da ja noch...
… der MIDI-Eingang an der Konsole. Daran können Sie ein Keyboard, Drums oder was auch immer anschließen und die Videoclips per MIDI antriggern – Rolands V-Link-Technologie macht es möglich. Was ich natürlich auch gleich ausprobiert habe: den MIDI-Out des ProKeys 88 von M-Audio (Test in dieser Ausgabe) mit dem MIDI-IN der Motion Dive-Konsole verbunden und – funktioniert. Die weißen Tasten fahren in diesem Fall die verschiedenen Clips ab, die schwarzen springen in der Library hin und her, mit dem Pitchbend bestimme ich das Tempo der Clips, mit dem Modulationsrad ändere ich die Farben – aber auch andere Belegungen sind möglich, vor allem mit V-Link kompatiblen Geräten (etwa der Fantom X-Serie von Roland oder der Edirol PCR-Serie) Da kann die Spieldynamik etwa – je nach ausgewähltem Preset im MIDI-Plug-In – auch die Größe oder Intensität der Grafiken verändern und das Modulationsrad Texte kreisen lassen. So werden Töne dann sofort in Bilder umgesetzt, eine ganz neue multimediale Erfahrung.
Und wie finde ich das jetzt?
Seit sieben Jahren basteln und verbessern die Jungs von Digital Stage inzwischen an ihrer Motion Dive Software. Und die kommt jetzt mit der Konsole noch mal so gut: Schluss mit dem umständlichen Hantieren mit der Maus – das sieht erstens besonders live völlig uncool aus und ist außerdem oft auch viel zu langsam, mit der Hardware geht’s schnell und beeindruckend zur Sache. Auch wenn die Dokumentation etwas „gewöhnungsbedürftig dürftig“ ist, kommt man mit dem Teil schnell klar, das erklärt sich fast vollständig von selbst.
Auch wer sein Geld nicht als D- oder V-Jay verdient, hat mit dem leistungsstarken Duett seine Freude: es macht ganz einfach Spaß, kreativ zu experimentieren und immer neue Möglichkeiten zu entdecken. Warum nicht mal eigene Filme in die Performance einbauen? Mit eigener Musik? So werden selbst schrecklich langweilige Urlaubsfotos-Foltereien zum abgefahrenen Event. Oder: einfach mal ein Keyboard anschließen und sehen, was Töne alles anrichten können.
Ein paar Verbesserungsvorschläge hätte ich ja dann doch noch: etwa der Export der Sessions in gängige Formate. Oder ein Handbuch, das eine Spur weniger stylish, aber dafür dann übersichtlich ausfällt und auch mal die Hardware erwähnt.
Sonst aber: ein geniales Kreativspielzeug, das jetzt noch ganz schnell auf meinen Wunschzettel kommt. Den schicke ich dann zu Edirol oder an meinen Chefredakteur.. Wo er dann genauso ignoriert wird wie beim Weihnachtsmann oder von meiner Familie, aber versuchen kann ich es ja mal. Denn bis ich die 479 € für das Motion Dive samt Hardware zusammen habe, brauche ich wahrscheinlich einen Zivi aus der Altenpflege, der mir bei der Bedienung behilflich ist.
+ Einfaches Handling + Schönes Design der Hardware + Große Auswahl an erstklassigen Videoclips + Auch über MIDI steuerbar + Möglichkeiten ohne Ende + Über Plug-Ins erweiterbar
- Kein Motorfader - Manual für Hardware fehlt - Aufzeichnung nur im Eigenformat möglich
Info:
Produkt: Motion Dive Tokyo Console Edition Art: Video/Sound-Mixer Hersteller: Edirol / Digital Stage Preis: 479 € Web: www.edirol.com/europe
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